Projektbeschreibung

Projektleitung

Prof. (stv.) Carolin Schreiber (FB 4, Industrial Design)
Jan Üblacker (M.Sc. Soziologie & empirische Sozialforschung)
Sophie Gnest (B.A. Mediendesign, Studentin im FB4 Heterotopia)
Maren Precht (B.A. Produktdesign , Studentin im FB4 Heterotopia)

Das Folkwang LAB „Wir sind Nachbarn“

Das Folkwang LAB motiviert Nachbarn und Studierende sich mit der Fragen zu beschäftigen, welche Bedeutung die Nachbarschaft für das Zusammenleben der Menschen in der Stadt hat. Wie kann man von einem räumlichen Nebeneinander zu einem Miteinander gelangen? Welche Rolle spielen dabei künstlerische, gestalterische und wissenschaftliche Tätigkeiten und wie können diese gemeinsam mit Nachbarn für unsere Nachbarschaft eingesetzt werden?

In Politik, Verwaltung und Planung herrscht weitestgehend Konsens darüber, dass Nachbarschaften in denen z. B. nur reiche oder nur arme Bevölkerungsgruppen wohnen, negative Auswirkungen auf den Zusammenhalt in der Stadt haben. Die zunehmende soziale Polarisierung der Städte ist insbesondere für ärmere Stadtteile folgenreich. Eine Konzentration benachteiligter Gruppen innerhalb einer Nachbarschaft führt zu weiterer Benachteiligung, auch für Neuzuziehende. Um diesen Effekten entgegenzuwirken wird von Politik und Verwaltung häufig eine „soziale Mischung“ in den Nachbarschaften angestrebt. Von dieser Mischung erhofft man sich wechselseitige Lerneffekte, gegenseitige Toleranz und mehr gesellschaftliche Teilhabechancen für die benachteiligten Gruppen. Uneinigkeit herrscht jedoch nach wie vor über die Frage, was eine „funktionierende Mischung“ im Sinne eines friedlichen Miteinanders auszeichnet und wie diese erreicht werden kann. Aus wissenschaftlicher Sicht wird kritisiert, dass es ohnehin nicht ausreiche Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten räumlich zu „mischen“ ohne auch für Möglichkeiten der positiven Begegnung und des Kennenlernens zu sorgen, die letztendlich das Zusammenleben in der Nachbarschaft befördern. Wie gelangt man also von einem räumlichen Nebeneinander zu einem sozialen Miteinander?

Mit planerischen und architektonischen Mitteln ist die Frage nur bedingt zu beantworten. Vielmehr bedarf es Lösungen, die gemeinsam in der Nachbarschaft und mit der Nachbarschaft erarbeitet werden. Doch was ist in diesem Zusammenhang unter Nachbarschaft zu verstehen? Neben einer starren Definition, wie sie von Kommunen und Planung verwendet wird um einzelne Räume innerhalb der Stadt anhand großer Straßen, Flüsse, Grünflächen oder Bahntrassen in Stadtteile zu unterteilen, existieren weitere Verständnisse. Diese orientieren sich am subjektiven Raumempfinden und stellen das Erleben des Raums durch dessen BewohnerInnen in den Vordergrund (Herrmann 2010). So werden nicht nur bauliche Grenzen, sondern auch soziale und funktionale Eigenschaften der Nachbarschaft offengelegt und für die Projektarbeit nutzbar gemacht. Darunter sind Orte zu verstehen, denen abseits ihrer zunächst offensichtlichen Funktion – Spielplätze zur Freizeitgestaltung oder Kioske für den alltäglichen Bedarf auch eine soziale Bedeutung (z. B. als Treffpunkt für Klatsch und Tratsch) zugeschrieben werden kann.

Die Bewohnerschaft innerhalb einer Nachbarschaft ist nicht statisch. Ähnlich wie bauliche und gewerblichen Aspekte befinden sie sich in einem ständigen Wandel, angetrieben durch lokale, regionale, nationale und globale Einflüsse. So werden Baulücken geschlossen, Wohnungen aufgeteilt und verkleinert, Mieten steigen oder fallen, Eigentum wird gebildet oder veräußert. Diese baulichen Veränderungen führen auch zu Veränderungen in der Bewohnerschaft. Mit steigenden oder fallenden Mieten schließt oder öffnet sich die Nachbarschaft für einkommensschwächere BewohnerInnen. Während in Einzimmerwohnungen eher StudentenInnen ziehen, benötigen große Familien mehrere Zimmer. Andersherum kann auch eine spezifische Nachfrage ein entsprechendes Wohnungsangebot in einer Nachbarschaft hervorrufen. Verbessert sich z. B. die Anbindung an den überregionalen ÖPNV kann ein Wohnort plötzlich für besserverdienende BerufspendlerInnen mit Eigentumswunsch interessant werden. Auf diese Art und Weise verändert sich die Zusammensetzung einer Nachbarschaft, was auch Folgen für deren gewerblichen Charakter hat. Steigende Mieten und Eigentum ziehen einkommensstärkere Bevölkerungsschichten an, die wiederum mehr Kaufkraft in die Nachbarschaft bringen und andere Produkte nachfragen als die alteingesessene Bevölkerung. Daraufhin wandelt sich die lokale Gewerbestruktur: in vormals leerstehenden Ladenlokalen eröffnen z. B. neue Cafés. Steigende Gewerbemieten führen zur Schließung von z. B. alteingesessenen Handwerksbetrieben und inhabergeführten Bäckereien. Letztlich spiegeln sich positive wie negative Veränderungen auch in der Wahrnehmung der Nachbarschaft durch BewohnerInnen, Außenstehende und Medien wieder. Ein Imagewandel findet statt. Die hier beispielhaft skizzierten sozialen, baulichen, gewerblichen und symbolischen Veränderungen einer Nachbarschaft stehen miteinander in Wechselwirkung und bilden gleichzeitig die Rahmenbedingungen für ein Zusammenleben in der Nachbarschaft.

Die Stadtverwaltung fördert die Sanierung von Gebieten. Geschäftsleute entscheiden über Ort und Konzept eines Ladenlokals. ImmobilienentwicklerInnen schließen Baulücken mit Eigentumswohnungen. LandschaftsgärtnerInnen gestalten Plätze und Grünflächen. BewohnerInnen entscheiden über Zu- und Wegzug. VermieterInnen legen die Mieten fest. JournalistenInnen berichten über Ereignisse in einer Nachbarschaft. Sozialer, baulicher, gewerblicher und auch der Imagewandel einer Nachbarschaft wird von Beteiligten gestaltet. Diese Gestaltung muss nicht zwangsläufig „von Oben“ erfolgen. Auch die BewohnerInnen einer Nachbarschaft können zur ihrer Veränderung beitragen. Das Folkwang Lab „Wir sind Nachbarn“ möchte dies am Beispiel des Essener Eltingviertels zeigen und bezieht aus diesem Grund seinen räumlichen Ausgangspunkt im Atelier VierViertel in der Altenessener Straße.

Über das Eltingviertel

Um in der Nachbarschaft gemeinsam mit den NachbarInnen etwas zu verändern, muss man diese zunächst kennenlernen und verstehen. Dazu erlernen die Nachbarn und Studierenden der Folkwang Universität neben künstlerischen, kreativen und partizipativen Methoden auch einige Methoden der empirischen Sozialforschung und wendet diese in der Nachbarschaft gemeinsam an. Diese dienen dazu, Bedürfnisse und Alltagsroutinen offenzulegen und damit zum Gegenstand der Bearbeitung zu machen. Bei den Nachbarn kann damit ein Reflexionsprozess angestoßen werden, der ihnen einen alternativen Blick auf ihre gewohnte Umgebung gewährt. Angewandt werden u. a. verschiedene Formen des qualitativen Interviews, Gruppendiskussionen, Beobachtungen, fotografische Methoden, Medienanalysen oder auch Kurzumfragen. Ziel ist es, eine Wissensgrundlage und einen Ideenfundus für die weitere künstlerische und gestalterische Arbeit zu schaffen.
NachbarInnen sind ExpertInnen in ihrem Viertel und somit die idealen Co-EntwicklerInnen im Projekt. Sie agieren auf Augenhöhe und bereichern den gesamten Prozess durch Erfahrungen, Expertise, Emotionen, Werte, Bedürfnisse und vieles mehr. Sie verhelfen den Projekten zu einer neuen Qualität und Andersartigkeit. Um effizient und zielführend mit Co-EntwicklernInnen zusammen arbeiten zu können, wird ein Repertoire an Methoden für den partizipativen Prozess benötigt. Diese werden im Laufe des LABs theoretisch und praktisch vermittelt.

Was sind Co-ForscherInnen?

Was passiert im LAB?

Im LAB soll Nachbarschaft unter dem Einfluss unterschiedlicher künstlerischer Disziplinen Bearbeitung finden. Das LAB wird den Versuch unternehmen, eine gemeinsame Sprache oder Ausdrucksweise / eine gestalterische Ebene / interkulturelle Methodik zu definieren, durch die gemeinsame Arbeit mit unterschiedlichen Menschen in der Nachbarschaft neue Lösungen für ein besseres Miteinander zu schaffen. Diese Lösungen könnten sich in Produkten, Kampagnen, Interventionen, Fotografien, Filmen, Services, Inszenierungen, darstellender Kunst, Unterichtsmethoden, Musik oder Texten etc. widerspiegeln.

Wir laden Studierende aller Fachbereiche der Folkwang Universität ein, das Essener Eltingviertel gemeinsam mit dessen BewohnerInnen besser kennen zu lernen und Ideen für das Zusammenleben von morgen zu entwickeln. Ausgangspunkt für Lernen, Lehren, Kreieren, Intervenieren und (Raum)Erleben ist das Vierviertel, ein ehemaliger Kiosk im Herzen des Eltingviertels, ein für das Ruhrgebiet typisches urbanes Arbeiterviertel, dessen öffentliche und gewerbliche Infrastrukturen die Vielfalt der Bewohnerschaft widerspiegelt. So befinden sich hier Pizzerien, eine Spielhalle, Schulen, Kioske, Parks und Plätze, ein Seniorenheim, beliebte Diskounter, ein Reptilienfachgeschäft und viele weitere Orte, an denen „wir Nachbarn“ uns begegnen können.

Der partizipative Prozess wird durch zahlreiche Vorträge, Workshops und Stadtteilspaziergänge mit Experten und Stadtteilakteuren belebt. Im Sinne eines ganzheitlichen, partizipativen Projektes mit der Nachbarschaft, beginnt das Projekt mit einem symbolischen Einzug der Studierenden und Lehrenden in das VierViertel. Der künstlerische, wissenschaftliche und/oder gestalterische Arbeitsprozess, mit und in der Nachbarschaft, ist gleichzeitig auch Ziel des Projektes. Das Erleben von kultureller und sozialer Diversität, die Entwicklung von Methoden und Wegen zur produktiven Zusammenarbeit auf Augenhöhe sowie die Transformation der partizipativen Kreativprozesse in innovative Inszenierungen, Produkte, Services und Interventionen, sind (Lern-)Ziele des Folkwang LABs.

In einer ersten praxisorientierten, kreativen und künstlerischen (Selbst)Erfahrungsphase, auch Research & Analysephase, durchlaufen die Co-EntwicklerInnen grundlegende Workshops, die wichtige Informationen zur Arbeit im urbanen Kontext vermitteln, sie zu empathischen FeldforscherInnen machen und Methoden zur partizipativen Zusammenarbeit näher bringen. In einer zweiten experimentellen Arbeitsphase erproben die Co-EntwicklerInnen in explorativer Arbeitsweise neue Methoden des partizipativen, künstlerischen Arbeitens und Gestaltens. Sie fokussieren gemeinsam ein konkretes Thema und entwickelt ein starkes Konzept, das zur Förderung des Zusammenlebens im Eltingviertel beiträgt.
In der dritten und finalisierenden Arbeitsphase werden die Konzeptergebnisse resümiert und in Prototypen/Lösungen/einen Entwurf umgesetzt. Hierbei sind die Co-EntwicklerInnen in der Wahl des künstlerischen und/oder gestalterischen Mediums frei (Musik, Tanz, Foto, Film, Produkt, Publikation, Inszenierung etc.). Auch multidisziplinäre Teamarbeit ist gewünscht. Neben der detaillierten Ausarbeitung der erdachten Lösung, muss in gleichwertiger Qualität auch der Entstehungsprozess dokumentiert und analysiert werden. Auch hier ist die Wahl des Mediums zur Dokumentation frei (Film, Fotoreihen, Tonaufnahmen, Texte, Collagen etc.).

Was sind die Lehrziele des LABs?

Weitere Informationen zu Folkwang LABs unter: www.folkwang-uni.de/labs